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Lauten- & Geigenbau in der Schweiz

Von: Michael A. Baumgartner


Bereits für das 15. Jhdt. lassen sich in der Literatur Hinweise auf die Existenz von Violen- und Lautenmachern in der Schweiz finden: 1420 soll Hans Wels/Welz in Basel gewirkt haben, und 1474 Johannes „Kindli“ (Kindler?) von Bern aus an den Hof der Sforzas in Milano gezogen sein. In Freiburg im Üchtland (Fribourg) gibt es neben Hinweisen auf das Wirken des Orgelmachers Conrad Wolf(f) (fl. um 1425) archivarische Spuren zu Cunratt Arpfenmacher (fl.1445/54); Michael Vogt „Saitenmacher“ (fl.1445); Friedrich Ortlieb (fl. 1454 / 1456); Petrus Arpfenmacher / Harpffer (fl.1472-80); Jakob Saitenmacher alias Jacob Vogt (fl. 1467/ 1472/80; resp. 1467 / 72-1506); sowie in Le Locle für Fabri Hugonius (fl. um 1450) resp. in Neuchâtel für Jean Mercier „Violarre“ (fl.1458/60).

Kurz nachdem Virdungs berühmtes Werk „Musica getuscht“ 1511 in Basel gedruckt wurde, weilte Marco Sarto vermutlich vorübergehend in Basel. Er war vielleicht ein aus dem Füssener Raum eingewanderter Lautenmacher. Der ebenfalls aus dem Füssener Land stammende Johann Ambrosius Weiss (*1559 +1633) kam um 1585 nach Basel und weilte 1600 vorübergehend auch in Schaffhausen. Aus seiner Werkstätte stammt wahrscheinlich eine 1621 datierte Laute. Um 1590 kam dessen Bruder Matthäus Weiss (*c1560 +n.1600) in die Stadt am Rheinknie und zur selben Zeit auch Martin Kempter, 1613 gefolgt von Hans Georg Geymüller (*v.1595 +1629); während in der welschen Schweiz lediglich Johannes Rifry genannt wird, der um 1632 in Fribourg war.

Lauten- & Geigenbau in der SchweizAnno 1857 schrieb der für seine mitunter sehr bissigen Kritiken bekannte Eduard Hanslik: „Die Schweiz, diese Schatzkammer an Naturschönheiten, ist im Vergleich zu ihren europäischen Nachbarn ein sehr tonarmes Land.” und Lütgendorff doppelte 1922 in seinem bekannten Geigenbau- Nachschlagwerk nach: „Die Gebirgsbewohner in der Schweiz haben keine Vorliebe für Streichinstrumente gehabt”. Diese Aussagen sind im Kern sicher nicht falsch, zeugen aber auch von einer gewissen Ignoranz gegenüber der „Nicht-Kunstmusik“, also gegenüber dem, was man heute als „Haus-, Bauernoder Volksmusik“ bezeichnen würde, in der denn auch die eigentlichen Wurzeln dessen liegen, was als „Kunstmusik“ gilt.

Während es in den meisten europäischen Ländern bzw. Herrschaftsgebieten eine vom frühen Mittelalter bis hinein in die Neuzeit durchschreitende Hegemonie von Obrigkeit gab, blieb die Schweiz weitgehend autokratisch. So verwundert es nicht, dass die Instrumentenmacher immer nur für eine mehr oder weniger kurze Zeit ein Auskommen fanden, denn Kunst im höheren Sinne kostet Geld. Deshalb gab es in der Schweiz nirgendwo eine „Lauten- oder Geigenmacher-Tradition“.

Lauten- & Geigenbau in der SchweizDie frühesten, heute noch erhaltenen und namentlich zuordenbaren Geigen, Bratschen und Bassetts stammen von dem in Oberbalm bei Bern tätigen Hans Krouchdaler (fl.c1678-n.1699) der wahrscheinlich bei Josef Meyer im schwarzwäldischen Grafenhausen gelernt hat. Gleichzeitig gibt es auch konkrete Hinweise darauf, dass Füssener Meister in die heutige Schweiz lieferten; so etwa Georg Ruoff (*1646 +1725) aus Füssen-Faulenbach, der 1680 das Kloster Einsiedeln belieferte. Von dem wahrscheinlichen Krouchdaler Schüler Hans Ruod Schaffer ist ein Bassett aus dem Jahr 1692 erhalten. Auch für das 18. Jhdt gibt es verschiedene Hinweise auf Verbindungen der deutschsprachigen Schweiz zu Werkstätten im süddeutschen Raum, und – erstaunlicherweise – auch umgekehrt. Der Stuttgarter Hof verzeichnet 1713 eine Geigenlieferung aus Basel (!); 1733 & 1736 lässt sich der aus Waldshut stammende Konrad Stoppelt (*1680 +1759) in „Freÿburg im Uichtland“ (dem heutigen Fribourg) (Abb. rechts) nachweisen.

Für die welsche Schweiz lassen sich – neben dem genannten Cunradt Stoppelt in Fribourg – nur Jean Emery in Genf (fl.1722; 37) und 1733 Pierre Beljean in La Sagne/Plamboz (NE) nachweisen, während für das Tessin von einigen Autoren der wenig glaubhafte Namen Lubino in Melinde (fl.1748 ?) genannt wird und zuvor ein gewisser Brocca in Gentilino. Vom Beginn bis zur Mitte des 19.Jhdt. finden sich in der französischsprachigen West-Schweiz und der nördlichen, Lauten- & Geigenbau in der Schweizdeutschsprachigen Grenz- Schweiz verschiedene Durchwanderer, die scheinbar zu wenig Arbeit gefunden haben. Damit bestätigt sich weitgehend die Aussage von W. von Lütgendorff: „Aus Tirol, Italien und Frankreich kamen zu verschiedenen Malen Geigenbauer über die Grenzen; von nachhaltigem Einfluss waren sie nie.“ Der geringe Bedarf an Streichinstrumenten wurde auch weiterhin vornehmlich von geschickten Autodidakten gedeckt, (Abb. Mitte) von denen es einige zu erstaunlicher Meisterschaft brachten. Genannt seien für die Innerschweiz Ignatz Hirschler/ Hurschler, (*1833 +1912); Alois Suter (*1809 +1892); Franz Meinrad Schilter (fl. 1820/40); in Zürich Hans Rudolf Waser, (fl. c.1835-55) sowie François Marie Pupunat (*1802 +1868) in Lausanne und Jean Wischer alias Johann Wüscher (fl.1830-46/8) in Neuchâtel, Zürich (fl.1846; 1852; 1855) und Schaffhausen (1848).

Erst danach begann sich der professionelle Geigenbau nach und nach zu etablieren: In Basel war es der aus Strassburg zugewanderte Nicolas Eugène Simoutre (fl.1859-89), der in dem aus Markneukirchen stammenden Paul Meinel (*1865 +1928) seinen Nachfolger fand. Im nahen Liestal gründete sein Bruder August Meinel (*1868 +1961) (Abb. oben rechts) die „Schweizerische Geigenbaugesellschaft“, in der viele bedeutende Geigenbauer der nächsten Generation ihre Wurzeln haben: Fritz Baumgartner sen. (*1891 +1976; heute in dritter Generation in Basel); Hans Huber; Jakob Huber; Adolf König (*1908 +2000, der von 1944-73 die Geigenbauschule Brienz leitete); Karl Aug. Meinel; Robert Reinert; Gustav Senn (1888-1971; heute ebenfalls in dritter Generation); Henry Werro. Im ehemals zu Bern gehörigen Städtchen Laufen a. d. Birs wirkte der Lehrer Anton Schumacher (*1846 +1916), der seine Geigen zeitweise nach dem Tempara-Rezept von Wilh. Christ-Iselin (*1853 +1926) lackierte; in Bern war es der bei Petrus Schulz in Regensburg und Gabriel Lemböck in Wien geschulte Gustav Methfessel (*1839 +1910), der eine Reihe tüchtiger Leute beschäftigte: Max Beck (+1898); Gustav Lütschg (*1870 +1947); Georges Charles Fillion (*1869 +n1922) sowie Jean 1 Werro (*1868 +1938), der bei Léon Fischesser in Genf lernte, sich in London vervollkommnete und ein über drei Generationen blühendes Haus gründete.

In der Limmatstadt war es Anton Siebenhüner (*1851 +1922), in Schönbach (Luby) geboren, der als Geselle in verschiedenen Werkstätten Europas und den USA arbeitete, ehe er sich 1879/80 in Zürich etablierte, gefolgt von Jak. Emil Züst (*1864 +1946), der in verschiedenen deutschen und österreichischen Werkstätten wirkte. 1886 riskierte dieser in St. Gallen einen Anfang und war ab 1893 in Zürich ansässig. Aus seiner Werkstätte, die 1935 von der Fa. Jecklin übernommen wurde, gingen Meister hervor wie Paul Bänziger sen. & jun ; Richard Bertschinger; Oskar Bischofberger (heute in 3. Generation in Seatle, USA); Karl Euschen; Henry Flachsmann; Hans Glassl; Josef Hofmann; Jakob Huber; Josef Kreutzer; Carl Mächler; Josef C. Meyer; Emil Pliverics sen.; Fritz Sprenger (*1879 +1936; heute in 3. & 4. Generation in St. Gallen); Eugen Tenucci (*1874 +1960, ab 1899 Leiter des Geigenbau-Ateliers der Firma Hug & Co., ggr. 1807); Alfred Walter; Werner Wurlitzer u.a. Der bedeutendste in Zürich wirkende Meister war zweifellos Giuseppe Fiorini (*1861 +1934).

Auch Luzern, wo zuvor nur Autodidakten wie Vater & Sohn Joseph Stutz und Florent Schill wirkten, hatte einen ähnlich berühmten italienischen Gast: Stefano Scarampella (*1843 +1925) aus Mantua. Von Stefano sind mehrere Instrumente aus dem Jahre 1901 mit der Ortsangabe „Lucerna“ bekannt. In der französisch sprechenden Welsch-Schweiz fand ein ähnlicher Umbruch statt: In Lausanne gründete nach Pupunats Tod Edouard Foetisch (*1869+1949) eine Werkstätte, die sich durch fähige Mitarbeiter wie Richard Meinel bald grosser Beliebtheit erfreute. Meinels Schüler Pierre Gerber (*1912+2007; Nachfolger: Pierre Mastrangelo) erarbeitete sich ein grosses Renommee, gleiches gelang in Genf Alfred (*1879+1943) und dessen Sohn Pierre Vidoudez (*1907+1994), während in Neuchâtel der lokale Bedarf durch Maurice Dessoulavy (*1887+1969) gedeckt wurde. Einige der genannten Werkstätten fanden ihre Nachfolger und sind heute noch erfolgreich tätig. Daneben gibt es eine Vielzahl von jungen und neuen Werkstätten mit GeigenbauerInnen; heute ist es so, das wahrscheinlich in keinem Land der Welt die Dichte an gelernten GeigenbauerInnen im Verhältnis zur Bevölkerung ähnlich gross ist wie in der Schweiz.
Michael A. Baumgartner, (gekürzte Fassung, Basel, Frühjahr 2011)


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