Der historische Orgelbau in diesen Gebieten gliedert sich in deutlich erkennbare Regionen, die nicht streng getrennt waren, sondern immer auch im Austausch unter einander und auch in West-Ost-Richtung mit den benachbarten Regionen gestanden haben. Es existieren hier noch zahlreiche, oft in erfreulicher Weise restaurierte Orgeln aus dem 18. und 19. Jahrhundert, von denen unten einige genannt werden. Einige wenige sind sogar noch älter. Zusammen mit den in den letzten Jahrzehnten nicht nur von ortsansässigen Werkstätten gebauten Orgeln ergibt sich ein überaus vielfältiges Bild, das alle Stilepochen widerspiegelt. Orgeln stehen nicht nur in Kirchen, sondern neuerdings auch in Konzertsälen; große Konzertsaalorgeln aus den letzten fünfzig Jahrzehnten gibt es in Bochum, Bonn, Detmold, Dortmund, Essen, Frankfurt/Main, Köln, Saarbrücken, Solingen und Wiesbaden.
Der Orgelprospekt in Kempen bei Krefeld ist nächst dem süddeutsch-italienischen im Konstanzer Münster (1522) der älteste Renaissance-Prospekt auf deutschem Boden. Er gehörte zu einer Orgel, die Meister Veit ten Bendt aus Köln 1541 gebaut hatte. In den ländlichen Gebieten im Norden und Westen Nordrhein-Westfalens existieren noch einige kleinere Orgelwerke des 18. Jahrhunderts aus den lokalen Werkstätten Weidtman (Kamp-Lintfort-Hoerstgen, 1732) und Teschemacher (Moers-Kapellen, 1770), in der Basilika zu Kevelaer aber auch eine große Orgel der Firma Seifert von 1907; zur Zeit der Fertigstellung war sie die größte Orgel Deutschlands. Die in den im 19. Jahrhundert stark expandierenden Städten des Ruhrgebiets errichteten Orgeln wurden im Zweiten Weltkrieg und den Nachkriegsjahren stark dezimiert. Hier herrschen heute Instrumente aus dem 20. Jahrhundert vor.
Die älteste Orgel in Westfalen ist die Orgel in Osttönnen. Wesentliche Teile stammen vom Anfang des 15. Jahrhunderts. Sie gehört damit zu den ältesten Orgeln der Welt.
Auf der Grundlage einer Orgel aus dem 17. Jahrhundert entstand in verschiedenen Baustufen die wegen ihrer Springladen heute weltberühmte Orgel in Borgentreich, deren Restaurierung gerade (2008) in Arbeit ist und noch geraume Zeit beanspruchen wird. Der bedeutendste westfälische Orgelbauer des 18. Jahrhunderts war Johann Patroklus Möller. Vom ihm stammt die Orgel in Marienmünster (1738). Die Orgel in Cappenberg (C. M. Vorenweg, 1788) zeigt die französischen Einflüsse der König-Schule.
Die Eifel war das hauptsächliche Arbeitsgebiet von Balthasar König, von dem die Orgeln in Niederehe (1714) und Steinfeld (1727) stammen; ein spätes Instrument dieser Werkstatt steht in Schleiden (L. König, 1770). In Rhaunen Sulzbach im Hunsrück hatte die Werkstatt Stumm ihren Sitz, die im 18. Jahrhundert zahlreiche Orgeln auch bis in weit entfernte Orte geliefert hat. Die in Amorbach ist heute die bekannteste davon, repräsentativ sind aber auch Mainz, Augustinerkirche und Kirchheimbolanden; auf letzterer hat Mozart einmal gespielt.
Rechtsrheinisch arbeiteten die Orgelbauer Kleine, Rötzel und Nohl, weiter südlich im Taunus Johann Wilhelm Schöler in Bad Ems. Eine original erhaltene Schöler-Orgel steht im ehemaligen Kloster Altenberg bei Wetzlar (1757), eine weitere in Gemünden/Westerwald.
Kiedrich im Rheingau besitzt einen Orgelprospekt vom Anfang des 16. Jahrhunderts, hinter dem sich ein Werk aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts befindet. Eine kleine Orgel, 1623 von Adam Knauth für die Schlosskirche in Darmstadt gebaut, steht in Worfelden bei Groß-Gerau. Eine original erhaltene zweimanualige Orgel besitzt die Dorfkirche von Nieder-Moos im Vogelsberg (Joh. Markus Oestreich, 1791). Im 19. Jahrhundert war die bedeutendste Werkstatt des Rhein-Main-Gebiets die von Bernhard Dreymann in Mainz, der bis nach Belgien gebaut hat. In Eich am Rhein ist eine bemerkenswerte Orgel aus seiner Hand von 1845 erhalten geblieben.
Im Süden von Rheinland-Pfalz gibt es außer Stumm-Orgeln wie Mühlheim a. d. Eis (um 1735) und Bad Sobernheim (1739) auch Orgeln der ähnlich bauenden Werkstatt Geib in Saarbrücken wie die in Lambrecht (1777).
Die Orgelbau um 1900 wird außer der bereits erwähnten Orgel in Kevelaer auch durch andere große Instrumente repräsentiert: Bonn, St. Elisabeth (Klais, 1911), Wiesbaden, Lutherkirche (Walcker 1910) und die mittelgroße, aber völlig original erhaltene in Idstein (Walcker 1912).
Von den nach 1945 gebauten Orgeln haben einige Maßstäbe nicht nur für ihre Region gesetzt: die Beckerath-Orgel in Düsseldorf, St. Johannes (1954), die Ahrend-Orgel in Frankfurt, Cantate Domino (1970) und die Klais-Orgel im Dom zu Trier (1974).
Dr. Martin Balz (Orgel- und Glockensachverständiger)
Kommentar hinzufügen